Was ist die GSPR-Konformitätsbewertung?
Die GSPR-Konformitätsbewertung ist der Kernnachweis der IVDR-Compliance: Sie dokumentiert, dass ein IVD — und damit auch ein Labor-Developed Test — die Allgemeinen Sicherheits- und Leistungsanforderungen (GSPR) des Anhang I IVDR erfüllt.
Für LDTs nach Artikel 5 Absatz 5 IVDR ist die GSPR-Bewertung die wichtigste Einzeldokumentation im technischen Dossier. Sie ist das Äquivalent zur Konformitätserklärung bei CE-IVDs — nur dass sie intern erstellt und archiviert wird, ohne externe Zertifizierung (Ausnahme: Klasse D und C).
Aufbau der GSPR-Checkliste
Eine vollständige GSPR-Checkliste für LDTs enthält für jede der 20 Nummern des Anhang I (verteilt auf drei Kapitel):
- Anwendbarkeit: Ist diese Anforderung auf meinen LDT anwendbar? (A = Anwendbar / N/A = Nicht anwendbar mit Begründung / PA = Teilweise anwendbar)
- Nachweis: Welches Dokument belegt die Konformität? (SOP-Nummer, Validierungsbericht, Norm-Referenz)
- Status: Erfüllt / In Bearbeitung / Lücke
- Verantwortlich: Wer ist für diesen Nachweis zuständig?
Die 3 Kapitel und 20 Nummern — praktische Umsetzung für LDTs
Anhang I der IVDR (Verordnung (EU) 2017/746) gliedert sich in drei Kapitel: Kapitel I mit den allgemeinen Anforderungen (Nr. 1–8), Kapitel II mit den Anforderungen an Leistung, Auslegung und Herstellung (Nr. 9–19) und Kapitel III mit den Anforderungen an die mit dem Produkt gelieferten Informationen (Nr. 20). Viele Nummern sind in Unterabschnitte gegliedert (z. B. 9.1 a und b); die Checkliste führt diese einzeln.
Kapitel I: Allgemeine Anforderungen (Nr. 1–8)
Nr. 1 – Leistung, Sicherheit und Nutzen-Risiko-Verhältnis Der LDT erzielt die vorgesehene Leistung, ist sicher und wirksam und gefährdet bei bestimmungsgemäßem Gebrauch weder Patienten noch Anwender. Nachweis: Risikoanalyse (ISO 14971), Validierungsbericht
Nr. 2 – Risikoverringerung, soweit möglich Risiken sind so weit zu verringern, wie es ohne Beeinträchtigung des Nutzen-Risiko-Verhältnisses möglich ist. Nachweis: Begründung der Risikobewertung in der Risikoakte
Nr. 3 – Risikomanagementsystem Ein dokumentiertes, fortgeschriebenes Risikomanagementsystem ist Pflicht. ISO 14971 ist der anerkannte Standard. Nachweis: ISO-14971-Risikoanalyse-Bericht, Risikomanagement-Plan
Nr. 4 – Risikokontrolle nach den Sicherheitsgrundsätzen Maßnahmen zur Risikokontrolle richten sich nach den Sicherheitsgrundsätzen: Risiken durch Auslegung beseitigen oder verringern, verbleibende Risiken durch Schutzmaßnahmen mindern und die Anwender über Restrisiken informieren. Nachweis: Designdokumentation, SOPs für die Laborarbeit, Schulungsnachweise, interne Gebrauchsanweisung (IVU)
Nr. 5 – Anwendungsfehler und Gebrauchstauglichkeit Risiken durch Anwendungsfehler sind zu verringern; Kenntnisse und Erfahrung der vorgesehenen Anwender werden berücksichtigt. Nachweis: Schulungsdokumentation, Qualifikationsnachweise des Laborpersonals
Nr. 6 – Lebensdauer des Produkts Merkmale und Leistung dürfen sich während der angegebenen Lebensdauer nicht so stark verschlechtern, dass die Sicherheit gefährdet wird. Nachweis: Stabilitätsdaten für Reagenzien, Haltbarkeitsbegründung
Nr. 7 – Transport und Lagerung Merkmale und Leistung dürfen durch Transport und Lagerung nicht beeinträchtigt werden. Nachweis: Lagerungsprotokoll, Probentransport-SOP
Nr. 8 – Unerwünschte Wirkungen und Nutzen-Risiko-Abwägung Bekannte und vorhersehbare Risiken sowie unerwünschte Wirkungen sind zu minimieren und gegenüber dem Nutzen für den Patienten vertretbar. Nachweis: Restrisiko-Bewertung in der Risikoakte
Kapitel II: Anforderungen an Leistung, Auslegung und Herstellung (Nr. 9–19)
Nr. 9 – Leistungsmerkmale Hier liegt der Schwerpunkt für LDTs: Nr. 9.1 a verlangt die Analyseleistung (u. a. analytische Sensitivität und Spezifität, Richtigkeit, Präzision, Nachweis- und Quantifizierungsgrenze), Nr. 9.1 b die klinische Leistung (u. a. diagnostische Sensitivität und Spezifität, prädiktive Werte). Nr. 9.3 betrifft die metrologische Rückverfolgbarkeit von Kalibratoren und Kontrollmaterialien. Nachweis: Analytischer Validierungsbericht (Präzision, Richtigkeit, LoD, Linearität), klinischer Validierungsbericht, Literaturrecherche, Ringversuchs-Ergebnisse
Nr. 10 – Chemische, physikalische und biologische Eigenschaften Materialeigenschaften müssen für den Verwendungszweck geeignet sein. Nachweis: Reagenzien-Datenblätter, Kompatibilitätsprüfung, Sicherheitsdatenblätter
Nr. 11 – Infektion und mikrobielle Kontamination Bei Verfahren mit biologischem Material: Infektions- und Kontaminationsrisiken müssen beherrscht werden. Nachweis: SOPs für Biosicherheit, Hygienepläne, Qualifizierung der Probenverarbeitung
Nr. 12 – Materialien biologischen Ursprungs Betrifft Produkte, die Gewebe, Zellen oder Stoffe tierischen, menschlichen oder mikrobiellen Ursprungs enthalten (bei LDTs z. B. humanes Kontrollmaterial oder Antikörper): Quellenauswahl, Verarbeitung, Prüfung und Schutz vor übertragbaren Erregern müssen beherrscht werden. Nachweis bzw. N/A-Begründung: Herkunftsangaben und Lieferantendatenblätter der eingesetzten Materialien
Nr. 13 – Herstellung und Wechselwirkungen mit der Umgebung Wird der LDT mit anderen Produkten oder Ausrüstungen kombiniert, muss die Kombination sicher sein und darf die Leistung nicht beeinträchtigen. Nachweis: Gerätequalifizierung, Kompatibilitätsnachweis zu Analysegerät und Verbrauchsmaterial
Nr. 14 – Produkte mit Messfunktion Für quantitative Tests: angemessene Analyseleistung nach Nr. 9.1 a und Angabe der Ergebnisse in gesetzlichen Einheiten. Nachweis: Kalibrierprotokolle, Kalibrierzertifikate, Referenzmaterialien, Messunsicherheitsnachweis
Nr. 15 – Schutz vor Strahlung Bei LDTs meist nicht anwendbar — es sei denn, es werden radioaktive Materialien oder ionisierende Strahlung verwendet. N/A-Begründung: Kein radioaktives Material und keine ionisierende Strahlung im Testverfahren.
Nr. 16 – Programmierbare Elektroniksysteme und Software Wenn Software zur Ergebnisberechnung oder -interpretation eingesetzt wird: Entwicklung nach dem Stand der Technik und Validierung (Nr. 16.2). Nachweis: Software-Validierungsbericht (IEC 62304 oder laborinterne Validierung), Versions-Log
Nr. 17 – Produkte mit Energiequelle Betrifft Produkte, die mit einer Energiequelle verbunden oder ausgerüstet sind. N/A-Begründung: LDT hat keine eigene Energiequelle; die Energieversorgung erfolgt über die Laborinfrastruktur.
Nr. 18 – Schutz vor mechanischen und thermischen Risiken Betrifft Schutz vor mechanischen Risiken (bewegliche Teile, Schwingungen, Lärm, Anschlüsse an Energiequellen) und die Temperatur zugänglicher Teile. Bei reinen Reagenz- und Verfahrens-LDTs meist nicht anwendbar; relevant, wenn der LDT ein selbst gebautes oder modifiziertes Gerät umfasst. Nachweis bzw. N/A-Begründung: Gerätequalifizierung bzw. Begründung, dass der LDT kein eigenes Gerät umfasst
Nr. 19 – Eigenanwendung und patientennahe Tests Betrifft Produkte, die für Laien oder patientennahe Tests bestimmt sind; bei Tests im Labor meist nicht anwendbar. N/A-Begründung: LDT wird ausschließlich durch Laborpersonal im Labor angewendet.
Kapitel III: Anforderungen an die mit dem Produkt gelieferten Informationen (Nr. 20)
Nr. 20 – Kennzeichnung und Gebrauchsanweisung Interne Kennzeichnung des LDT (Name, Version, Datum) und interne Gebrauchsanweisung für Laborpersonal. Nachweis: Interne Gebrauchsanweisung (IVU/SOP), Etikettierungsprotokoll für Reagenzien
Nicht Teil von Anhang I
Das Qualitätsmanagementsystem (Artikel 5 Absatz 5 IVDR) und die Leistungsbewertung samt Performance Evaluation Report (Artikel 56, Anhang XIII) sind eigene Pflichten außerhalb von Anhang I; sie werden in der GSPR-Checkliste als Nachweisquelle referenziert, nicht als eigene Nummer geführt.
Häufige N/A-Begründungen (korrekt formuliert)
Nicht jede Anforderung gilt für jeden LDT. Korrekte N/A-Begründungen lauten z. B.:
- Nr. 15 (Schutz vor Strahlung): „Der LDT verwendet keine radioaktiven Substanzen oder ionisierende Strahlung. Die Anforderung ist nicht anwendbar."
- Nr. 17 (Produkte mit Energiequelle): „Der LDT ist weder mit einer Energiequelle verbunden noch damit ausgerüstet. Die Energieversorgung erfolgt über die Laborinfrastruktur, nicht über das Produkt selbst."
- Nr. 19 (Eigenanwendung und patientennahe Tests): „Der LDT wird ausschließlich durch qualifiziertes Laborpersonal im Labor angewendet; eine Eigenanwendung oder ein patientennaher Test ist nicht vorgesehen."
Dokumentation und Versionierung
Die GSPR-Checkliste ist kein Einmaldokument. Sie muss aktualisiert werden, wenn:
- Reagenzien ausgetauscht werden (Lieferantenwechsel, Chargenänderung mit Leistungsänderung)
- Das Analysegerät gewechselt wird
- Der Verwendungszweck erweitert wird (neue Patientengruppe, neue klinische Indikation)
- Neue Sicherheitserkenntnisse aus dem Betrieb vorliegen (Post-Market Surveillance)
- Regulatorische Änderungen die Anforderungen anpassen
Jede Version der Checkliste muss mit Datum, Änderungsgrund und Freigabe-Signatur archiviert werden.
Fazit
Die GSPR-Checkliste ist das strukturierende Element des IVDR-Dossiers für LDTs. Sie ist aufwendig — aber einmal erstellt, ist sie die Grundlage für alle folgenden Dokumente (Risikoanalyse, PEP, technisches Dossier). Der Aufwand lohnt sich, und mit der richtigen Struktur ist er beherrschbar.
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